Tannine im Wein gehören zu den wichtigsten—und am häufigsten missverstandenen—Elementen beim Verkosten. Sie prägen Struktur, Mundgefühl und das Reifepotenzial eines Weins, besonders bei Rotwein.
Wenn du verstehst, was Tannine sind, wie man sie wahrnimmt und warum sie wichtig sind, kannst du einen Wein besser einordnen, gezielter auswählen und nachvollziehen, warum manche Weine weich wirken und andere trocken oder griffig.
Kurzüberblick
- Tannine im Wein geben Struktur und können sich als Trockenheit oder Adstringenz bemerkbar machen.
- Sie stammen vor allem aus der Traube (Schale, Kerne, Stielgerüst) und auch aus dem Ausbau im Holz.
- Ihre Einbindung beeinflusst Balance und wie ein Wein sich mit der Zeit entwickelt.
Was sind Tannine im Wein?
Tannine sind natürliche polyphenolische Verbindungen im Wein. Sie kommen vor allem aus der Traube—insbesondere aus Schalen, Kernen und Stielgerüst—und können zusätzlich durch den Ausbau im Holz eingebracht werden.
Praktisch betrachtet:
- Tannine geben dem Wein Struktur
- Sie tragen zu einem trockenen, griffigen Mundgefühl bei
- Sie beeinflussen Langlebigkeit und Entwicklung des Weins
Tannine verbindet man meist mit Rotwein, sie sind aber nicht ausschließlich dort zu finden. In kleinerem Ausmaß können sie auch bei manchen Weißweinen mit längerer Maischestandzeit oder bei im Holz ausgebauten Weißweinen auffallen.
Empfohlene Lektüre: Was sind Tannine im Wein und woher kommen sie
Tannine in Rotwein und Weißwein
Tannine werden vor allem mit Rotwein verbunden, weil bei der Rotweinbereitung der Most in der Regel mit Schalen und Kernen vergärt—also genau den Teilen der Traube, aus denen die meisten Tannine stammen.
| Schneller Vergleich | Rotwein | Weißwein |
|---|---|---|
| Kontakt mit Schalen/Kernen | Meist höher (Maischekontakt) | Meist gering oder keiner |
| Wahrnehmbare Tannine | Häufiger | Seltener |
| Wann man sie eher spürt | Strukturierte Stile und/oder Holz-Ausbau | Holz-Ausbau, längerer Maischekontakt, strukturierte Stile |
Bei Weißwein ist der Kontakt mit Schalen und Kernen meist deutlich kürzer, daher sind Tannine in der Regel viel weniger ausgeprägt. Der Unterschied ist nicht, dass Weißwein “keine Tannine hat”, sondern dass Menge und Wahrnehmung meist deutlich geringer sind.
Sind Tannine im Wein “schlecht”?
Nein—Tannine sind nicht “schlecht” an sich. Sie sind ein natürlicher Bestandteil, der Struktur, Textur und Reifepotenzial unterstützen kann.
- Wenn Tannine unausgewogen wirken.
- Wenn sie zu austrocknend oder kantig erscheinen.
- Wenn sie andere Elemente im Wein überdecken.
Gut eingebunden können Tannine einen Wein harmonischer, vollständiger und langlebiger wirken lassen—besonders bei Stilen, die mit der Zeit gewinnen sollen.
Empfohlene Lektüre: Tannine und Speisen: Kombinationen, die Adstringenz mildern oder betonen
Tannine erkennen, bevor man probiert
Oft lässt sich ein tanninreicher Stil schon vor dem Probieren grob abschätzen—über ein paar praktische Hinweise:
- Rebsorte: manche Sorten ergeben häufiger strukturierte, tanninreiche Weine.
- Ausbau-/Vinifikationsstil: mehr Extraktion und längerer Maischekontakt bedeuten meist mehr Tannin.
- Holz-Ausbau: Fassausbau kann Struktur und Textur verändern.
- Ziel des Weins: Weine mit Reifepotenzial zeigen in der Jugend oft festere Tannine.
Diese Signale helfen, den Stil besser einzuordnen und passender auszuwählen.
Empfohlene Lektüre: Tanninreiche Weine: welche Stile sie haben und wie man sie auswählt
Wie fühlen sich Tannine im Wein an?
Tannine sind kein “Geschmack” (wie süß, sauer oder bitter), sondern eine taktile Empfindung. Am häufigsten werden sie als trockene, leicht raue Wirkung am Gaumen beschrieben.
Kurz gesagt: Tannine “spürt” man eher, als dass man sie “schmeckt”.
Wenn Tannine deutlich sind, können sie auslösen:
- Trockenheit am Zahnfleisch
- Griffigkeit auf der Zunge
- Ein zusammenziehendes Gefühl nach dem Schluck
Je nach Qualität und Einbindung wirken Tannine:
- samtig oder weich, wenn gut integriert
- fest oder strukturbildend, wenn sie das Gerüst prägen
- kantig oder “grün”, wenn sie rau oder unausgewogen wirken
Hilfreich ist die Abgrenzung zur Säure:
- Säure lässt den Mund wässern
- Tannine reduzieren das Speichelgefühl
Empfohlene Lektüre: Wie sich Tannine im Wein anfühlen: Adstringenz, Textur und Balance
Einflussfaktoren: wovon Tannine abhängen
Menge und Art der Tannine hängen von mehreren Faktoren ab—natürlichen wie technischen.
| Faktor | Was er beeinflusst | Was man im Glas oft merkt (grob) |
|---|---|---|
| Rebsorte | Schalenstärke, Kernanteil, Sortenprofil | Mehr oder weniger Struktur und Griff |
| Vinifikation | Maischekontakt und Extraktion | Tannine wirken markanter oder polierter |
| Holz-Ausbau | Holz-Tannine und Texturveränderung | Oft ein runderes Gefühl oder deutlichere Holznote |
| Stil/Ziel | Früh trinkbar vs reifefähig | Einbindung von Tannin mit Frucht, Alkohol und Säure |
Rebsorte
Manche Sorten sind von Natur aus tanninreicher.
- Die Schalenstärke beeinflusst die potenzielle Tanninmenge.
- Der Kernanteil (und die Reife) kann Trockenheit verstärken.
Vinifikation
Die Dauer des Maischekontakts (Kontakt mit Schalen und Kernen) ist entscheidend.
- Mehr Kontakt bedeutet meist mehr Tannin-Extraktion.
- Extraktion kann so gesteuert werden, dass Tannine fester oder zugänglicher wirken.
Holz-Ausbau
Fassausbau kann Holz-Tannine einbringen, die sich zu den Traubentanninen addieren und die Textur verändern.
Stil des Weins
Ob ein Wein jung getrunken werden soll oder Reifepotenzial hat, beeinflusst den Umgang mit Tannin im gesamten Prozess.
Tannine und Weinreife
Tannine sind ein zentraler Baustein für das Reifepotenzial. In ausgewogenen Weinen können sie stabilisierend wirken und dazu beitragen, dass sich der Wein positiv entwickelt.
Mit der Reife:
- werden Tannine oft weicher
- die raue Kante wirkt runder
- der Wein kann an Komplexität und Harmonie gewinnen
Aber: Nicht jeder tanninreiche Wein ist für lange Reife gedacht. Damit Reifung positiv verläuft, sollten Tannine mit anderen Elementen wie Säure und Konzentration im Gleichgewicht sein.
Empfohlene Lektüre: Tannine und Weinreife: warum manche Weine mit der Zeit besser werden
Fazit
Tannine helfen, Wein über “Geschmack” hinaus zu verstehen. Sie prägen Mundgefühl, Struktur und Entwicklung mit der Zeit. Wer lernt, sie zu erkennen, verkostet und wählt Weine deutlich sicherer aus.
