Wie sich Tannine im Wein anfühlen: Adstringenz, Textur und Balance
Tannine im Wein sind kein “Geschmack”, sondern eine körperliche Empfindung im Mund. Wer versteht, wie sich Tannine anfühlen, kann Weine besser einordnen, bewusster genießen und gezielter nach eigenen Vorlieben auswählen.
Wenn jemand einen Wein als “weich”, “rau” oder “trocken” beschreibt, meint er damit häufig—ohne es zu wissen—die Tannine.
Kurzüberblick
- Tannine werden als Mundgefühl wahrgenommen, nicht als Aroma.
- Die typische Wirkung ist Adstringenz (Trockenheit und Griff).
- Entscheidend sind Textur (samtig vs kantig) und die Balance im Wein.
Was Adstringenz bedeutet (klar erklärt)
Adstringenz ist die typische, tanninbezogene Empfindung im Wein: eine Trockenheit im Mund, die man besonders am Zahnfleisch, auf der Zunge und an den Innenseiten der Wangen spürt.
In der Praxis:
- Der Mund wirkt weniger “geschmiert”
- Es entsteht ein trockenes, griffiges Gefühl an Zahnfleisch und Zunge
- Häufig spürt man es besonders nach dem Schluck
Das ist kein Fehler, sondern eine natürliche Eigenschaft, die aus den Tanninen der Traube (und oft auch des Holzausbaus) entsteht.
Ein Wein kann:
- angenehm adstringierend wirken, wenn alles integriert ist
- störend adstringierend wirken, wenn es den Wein dominiert
Tannin-Typen nach Mundgefühl
Ohne unnötige Fachbegriffe ist die beste Einteilung die nach der tatsächlichen Empfindung im Mund.
Tabelle: Tannin-Typen nach Wahrnehmung
| Tannin-Typ | Wie es sich anfühlt | Gesamteindruck | Typische Erfahrung |
|---|---|---|---|
| Weiche (samtige) Tannine | Leicht trocken, ohne zu kratzen | Angenehm, flüssig | Lässt sich gut trinken |
| Feste Tannine | Klar spürbar, aber nicht störend | Strukturiert | Gibt Körper und Präsenz |
| Rau/kantige Tannine | Stark trocken, kratzig | Unangenehm ohne Balance | Wirkt hart und anstrengend |
| Dominante Tannine | Überdecken den Wein | Unausgewogen | Aromen und Geschmack treten zurück |
Diese Einteilung ist bewusst sensorisch—sie soll helfen, das Gefühl im Glas zu benennen.
Textur: warum sich nicht alle Tannine gleich anfühlen
Mehr als die Menge zählt die Textur.
Weiche oder samtige Tannine
Sie wirken oft:
- Rund
- Einhüllend
- Wenig invasiv
Der Mund bleibt leicht trocken, aber die Empfindung ist meist angenehm. Das findet man häufig bei guter Reife, sauberer Extraktion oder etwas Flaschenreife.
Raue/kantige Tannine
Sie wirken oft:
- Kratzig
- Austrocknend
- Dominant
Die Trockenheit kann unangenehm sein. Das heißt nicht automatisch “schlechte Qualität”, aber es kann bedeuten:
- Der Wein braucht Essen
- Der Wein braucht Zeit
- Der Stil passt nicht zu jedem
Praktischer Unterschied: Tannin vs Säure (ohne Technik)
Viele verwechseln Tannin und Säure, dabei wirken sie im Mund gegensätzlich.
| Im Mund | Säure | Tannin |
|---|---|---|
| Wirkung | Lässt salivieren | Trocknet aus |
| Typisches Gefühl | Frisch und “hebend” | Struktur und Griff |
| Schnelltest | Mehr Speichel | Weniger Speichel |
Wie sich Säure anfühlt
- Man saliviert mehr
- Es wirkt erfrischend
- Es macht den Wein leichter
Wie sich Tannin anfühlt
- Der Mund wird trocken
- Speichelgefühl nimmt ab
- Es gibt Struktur
Einfache Regel:
- Wenn der Mund voller Speichel wird → Säure
- Wenn der Mund trocken wird → Tannin
Ein Wein kann:
- Viel Tannin und wenig Säure haben
- Viel Säure und weiche Tannine
- Beides gut ausbalancieren
Was “Balance” bedeutet, wenn es um Tannine geht
Ein ausgewogener Wein ist kein Wein ohne Tannine—sondern ein Wein, in dem die Tannine:
- Nicht dominieren
- Nicht stören
- Das übrige Profil nicht überdecken
Wenn Tannine gut eingebunden sind:
- Trinkt sich der Wein leichter
- Aromen wirken klarer
- Die Gesamterfahrung ist harmonischer
Wenn Tannine zu sehr dominieren:
- Wirkt der Wein trocken und hart
- Er wird schnell anstrengend
- Ohne passendes Essen geht Genuss verloren
Wie Tannine den Genuss beeinflussen
Wer Tannine erkennt, kann:
- Besser nach eigenem Geschmack auswählen
- Verstehen, warum ein Wein nicht “passt”
- Einen Wein mit Essen besser genießen
- Einschätzen, ob Luft oder Zeit helfen
Es geht nicht darum, den Wein zu bewerten—sondern ihn zu verstehen.
Fazit
Tannine sind ein zentraler Teil des Weincharkters. Sie sind weder Fehler noch Vorteil an sich—entscheidend ist, wie sie sich anfühlen und wie sie eingebunden sind.
Wer diese Empfindung versteht, trinkt nicht nur Wein—er kann ihn besser lesen.
